Daisy - die Bilanz

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  • Daisy - die Bilanz
    11.01.2010 11:06

    Viel wurde in den letzten Tagen über das Schneetief „Daisy“ berichtet. Die Vorhersagen reichten von reichlich Schnee für viele Gebiete in Deutschland bis hin zu beinahe apokalyptischen Katastrophenszenarien. Doch wie fällt nun nach dem Wochenende die Bilanz aus?


    Katastrophale Zustände in Ostseenähe und Sturmflut
    Während in vielen Teilen Deutschlands eher die Schneemengen das größte Problem darstellten, so wurde die Küstenregion von einem teils heftigen Schneesturm heimgesucht. Zwar beliefen sich die Neuschneemengen nicht überall auf große Werte, aber bei derartigen Sturm- und teils auch Orkanböen wie in Abbildung 1 dargestellt, benötigt man auch keine großen Summen, um katastrophale Zustände, insbesondere für den Straßenverkehr zu produzieren. Und so kam es, dass gestern beispielsweise im Landkreis Ostvorpommern Katastrophenalarm ausgelöst werden musste. Dort ging insbesondere auf der A20 zum Teil nichts mehr. Auch der Rügenzubringer war in einigen Abschnitten nicht mehr passierbar und gleichwohl kam der Straßenverkehr auch auf vielen Bundesstraßen zum Erliegen. Dies betraf auch Teile Schleswig-Holsteins, wie Abbildung 2 eindrucksvoll belegt. Die Einsatzkräfte in Vorpommern sprachen von Schneewehen bis zu zwei Metern Höhe, womit vielen Menschen die Bilder der Schneekatastrophe des Winters 1978/79 vor Augen geführt wurden und dies nicht ganz zu unrecht, wenngleich das aktuelle Chaos eine Nuance schwächer ausgefallen ist. Ein weiteres Problem bei solch heftigen Oststürmen ist der Wasserstand der Ostsee. Vor allem in der Lübecker Bucht, aber beispielsweise auch in der Flensburger Förde sowie zwischen Rügen und Usedom peitschte der Sturm bei einem Wasserstand von teils über 1,40m über Normal das Wasser an die Küsten. Teile der Flensburger Innenstadt standen so zeitweise unter Wasser.

    Schnee in weiten Teilen Europas
    Betrachten wir nun Abbildung 3, so erkennen wir rasch, dass aktuell in weiten Teilen Europas eine Schneedecke anzutreffen ist, die zum Teil auch recht mächtig ausfällt. Fangen wir in Skandinavien an, so stellen wir verbreitet Schneehöhen im zweistelligen Zentimeterbereich fest, in Lappland sind es teils auch über 50cm, in dieser Region stellt dies allerdings weniger eine große Ausnahme dar. Auch im Baltikum sowie in Polen und Weißrussland liegt verbreitet viel Schnee, auch dort sind derlei Zustände nicht ganz ungewohnt. Sehen wir uns nun aber etwas weiter im Westen um, so entdecken wir Erstaunliches. Fast die gesamten Britischen Inseln liegen unter einer weißen Decke, was dort durchaus als sehr ungewöhnlich zu werten ist. Spitzenreiter ist das schottische Aviemore, dort liegen aktuell 40 cm Schnee, hier half vor allem der Oststau der Highlands zu einer solch großen Menge. Auch in Frankreich ist es als außergewöhnlich anzusehen, dass fast das gesamte Land unter einer Schneedecke liegt. Meist beträgt deren Dicke zwischen 1 und 10 cm, aber vor allem nach Süden und Osten hin ist es zum Teil deutlich mehr. Grenoble beispielsweise meldet satte 30 cm, in Saint Girons, welches am Fuße der Pyrenäen liegt, sind es 20 cm. Und auch die Iberische Halbinsel blieb von der weißen Pracht nicht verschont, allerdings liegt dort nicht flächendeckend und meist in etwas höheren Lagen Schnee. Spitzenreiter ist Oviedo an der Biskaya, dort beträgt die aktuelle Schneehöhe stolze 18 cm.


    Berlin: So viel Schnee wie seit 30 Jahren nicht mehr
    Heute Morgen meldete Berlin-Dahlem eine Schneedecke von 25 cm, was der höchste gemeldete Wert seit dem 1. März 1979 darstellt. Der Januarrekord von 31 cm, datiert am 6.1.1970 wurde nicht erreicht, der absolute Schneerekord von 49 cm liegt noch in weiter Ferne. Diese Schneehöhe wurde auch 1970, und zwar am 6. März registriert. In Potsdam liegen aktuell sogar 30 cm Schnee, in Cottbus 32. In Abbildung 4 sind die Schneehöhen von heute Morgen um 07 Uhr MEZ in Deutschland aufgezeigt.

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    Leistung der Meteorologen: Wurde Daisy gut vorhergesagt?

    Bereits am letzten Mittwoch haben wir uns in den Wetternews mit der Wetterlage am Wochenende beschäftigt. Wir haben dabei „verbreitet 10 bis 20, örtliche auch 30 Zentimeter“ Neuschnee  verteilt über das ganze Wochenende vorhergesagt, in Staulagen wurden auch bis zu 50 cm für möglich gehalten. Bei der Überprüfung dieser Aussagen muss man berücksichtigen, dass eine große Schneemenge, die über mehrere Tage verteilt fällt, auch zwischenzeitlich wieder setzt und so zu einem etwas geringeren Zuwachs in der Gesamtschneehöhe führt.

    In Abbildung 5 sieht man die Differenz der Gesamtschneehöhe gemessen heute früh um 7 Uhr zum Wert von Freitag früh ebenfalls um 7 Uhr. Extrem hoher Schneezuwachs jenseits von 30 cm ist in der Darstellung nicht zu erkennen, dafür allerdings vor allem im Osten Deutschlands 10 bis 20 cm, die den am Mittwoch vorhergesagten Werten entsprechen. Am meisten Neuschnee fiel dabei im Harz sowie im Erzgebirge und in Südbrandenburg. Hier betrug der Schneezuwachs gebietsweise 20 cm, wobei die real gefallenen Mengen aufgrund der zwischenzeitlich zusammengesackten Schneedecke auch höher gewesen sein können.

    Insgesamt kann man die Prognose als gut eingetroffen festhalten, wobei der Schneesturm an der Ostseeküste etwas weniger stark prognostiziert wurde. Dort fallen vor allem die Schneehöhendifferenzen von Rügen und Fehmarn auf. Diese negativen Werte können damit erklärt werden, dass bereits im Vorfeld heftige, durch die Ostsee bedingte Schneeschauer zu lockerem Neuschnee führten. Dieser Schnee wurde aufgrund des starken Sturmes am Wochenende verfrachtet und führte zu den bekannten extremen Schneeverwehungen, ohne dass zur gleichen Zeit große Mengen Neuschnee fielen.

    Abbildung 6 zeigt den Verlauf der Schneehöhen für Berlin und Brandenburg. Auch hier wird deutlich, dass insgesamt sehr viel Neuschnee fiel,  was in Kombination mit dem vorhandenen Altschnee zu einer teils sehr beachtlichen Gesamtschneehöhe führte.

    Leistung der Medien: War die Berichterstattung angemessen?
    Am letzten Donnerstag und Freitag überschlugen sich förmlich die Berichte im Vorfeld zu Daisy in Funk, Fernsehen, Print- und Webmedien. In einigen Veröffentlichungen war vom flächendeckenden Neuschnee von 40 cm die Rede, häufig wurde sogar zu einer Bevorratung von Lebensmitteln geraten. Flächendeckend hat Daisy natürlich nicht zu katastrophalen Bedingungen geführt, wie es die meisten Meteorologen auch gar nicht angenommen haben.

    So wurden einige wichtige Details aus den Informationen der Meteorologen in einigen Medien nicht mehr wiedergegeben oder gar verändert. Örtlich 40 cm Neuschnee sind eben nicht flächendeckend 40 cm Neuschnee, die auch gerade dort fallen sollten, wo die Menschen ohnehin an widrigere Wetterumstände gewöhnt sind. Außerdem ist natürlich jede Prognose mit einem Unsicherheitsintervall versehen. Man übertreibt garantiert und verbreitet unnötig Panik, wenn man sich nur auf das extremste Szenario stützt, das gerade in dieser Wetterlage nie an allen Orten gleichzeitig auftreten konnte.

    Daneben wurden teilweise Vergleiche herangezogen, die nichts mit der realen Vorhersage zu tun hatten. Ein Vergleich zur Schneekatastrophe zum Jahreswechsel 1978/79 (das wirklich eine war) erschien schon im Vorfeld meteorologisch als völlig abwegig, genauso wie der Vergleich zur Elbe- und Oderflut. Letztere sind tatsächlich durch eine Vb-Wetterlage im Sommer hervorgerufen worden. Im Winter enthält die Atmosphäre allerdings weniger Wasserdampf (und damit kann auch weniger Niederschlag fallen) und die Zugbahn von Daisy war sowohl prognostiziert wie eingetreten eine andere als bei diesen historischen Fällen.

    Es ist sicherlich sinnvoll, den Fall Daisy als Anlass zu nehmen, um die Kommunikation zwischen Meteorologen und Medien und die der Medien zur Öffentlichkeit kritisch zu betrachten. Der teilweise praktizierte „Katastrophismus“ führt dauerhaft dazu, dass Warnungen in der Öffentlichkeit nicht mehr ernst genommen werden. Dies kann schwerwiegende Folgen haben, wenn dann tatsächlich eine kritische Lage eintritt.

    Fazit: Das Wochenende bot insgesamt schon ein beachtliches Schneeereignis, welches am Sonntag im Bereich der Ostseeküste auch katastrophale Ausmaße annahm. Insgesamt blieb die häufig in den Medien postulierte Apokalypse jedoch erwartungsgemäß aus. Abgesehen von einigen unvermeidlichen Differenzen, die bei solch seltenen Ereignissen nie ausbleiben werden, hat es sich insgesamt um eine solide Vorhersage gehandelt.

    Von: Gregor Neubarth